7. November 2019 um 20:17

Zur besseren Mitwirkung und -entscheidung Ehrenamtlicher sollen auch die kleinen Kirchengemeinden erhalten bleiben

„Wie sieht’s aus, Herr Bischof?“ Fast zweihundert Mitglieder der KirchengemeinderĂ€te und WahlausschĂŒsse, ehemalige RĂ€tinnen und RĂ€te und Interessierte aus dem Dekanat feierten zunĂ€chst eine Andacht in der Dekanatskirche St. Petrus Canisius und hörten Bischof Gebhard FĂŒrst im Anschluss im Haus der kirchlichen Dienste zu und kamen mit ihm ins GesprĂ€ch. Vertreter auf dem Podium erzĂ€hlten, was sie derzeit beschĂ€ftigt. Engagierte aus dem Publikum forderten den Gast aus Rottenburg mit ihren Fragen heraus. Hintergrund der Veranstaltung war eine Veranstaltung zur Wahl der kirchlichen Gremien im nĂ€chsten Jahr.

Beifall erhielt Bischof Gebhard FĂŒrst fĂŒr die Zusicherung, dass die Seelsorgeeinheiten mit ihren 1020 Kirchengemeinden in der Diözese nicht zusammengelegt werden. „Wenn man Kirche nur in einem entfernten Zentrum erlebt, wo man hinfahren muss, ist mir das zu wenig”, betonte er. FĂŒr eine lebendige Kirche vor Ort brauche es jedoch die aktive Beteiligung Ehrenamtlicher im Kirchengemeinderat, der in Rottenburg-Stuttgart ein Entscheidungsgremium ist.

In seinem Eingangsstatement verwies zuvor Landrat Lothar Wölfle vom Bodenseekreis auf die gesamtgesellschaftliche „Glaubenskrise“. Wenn mehrere Fachleute aus verschiedenen Institutionen beispielsweise ĂŒbereinstimmend feststellen, dass ein kranker Baum gefĂ€llt werden muss, grĂŒnde sich eine Initiative, die das nicht glaubt. Er warb fĂŒr mehr Vertrauen, das dem anderen nicht gleich Böses unterstellt. Hier seien auch die vielen Ehrenamtlichen gefragt. Albert Elbs, langjĂ€hriger Kirchengemeinderat und gewĂ€hlter Vorsitzender in Ailingen, machte deutlich, dass gerade die Gewinnung und die Pflege Ehrenamtlicher heute eine der grĂ¶ĂŸten Herausforderungen sei. FĂŒr ein funktionierendes Ehrenamt brauche es gute unterstĂŒtzende Strukturen und besetzte hauptamtliche Stellen, ergĂ€nzte Karin Winkler aus Laimnau.

Ihr als “Reimgschmeckte” habe das Engagement in der Kirchengemeinde sehr geholfen im Dorf Fuß zu fassen, erklĂ€rte Winkler, die als Ansprechpartnerin fĂŒr Migration und Integration im Landratsamt Ravensburg arbeitet. Andererseits sei es schwer fĂŒr so eine große Organisation hinzustehen. Die Schwierigkeit “sein Gesicht hinzuhalten und sich fragen zu lassen: Bei dem Laden machen Sie mit?”, das konnte Bischof FĂŒrst gut verstehen. Er versprach weiterhin alles ihm Mögliche zu tun, um MissbrauchsfĂ€lle transparent aufzuarbeiten und weitere durch verstĂ€rkte PrĂ€vention zu verhindern.

Rainer Reischmann war etliche Jahre Ministrant. Durch sein Engagement in der Dekanatsleitung des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) hat er eine ganz andere Form von Kirche kennengelernt. Er wĂŒnschte sich, dass mehr junge Menschen die Vielfalt der Gottesdienstformen entdecken können. Bischof FĂŒrst verwies auf die Jugendspirituellen Zentren in der ganzen Diözese, die als Ergebnis eines GespĂ€chsprozesses zwischen Jugendvertretern und Diözesanleitung enstanden seien.

Dass fĂŒr Jugendliche die Wahlperiode von fĂŒnf Jahren ein langer Zeitraum ist, konnte der Bischof nachvollziehen. Als Anregung fĂŒr die nĂ€chste Reform der Kirchengemeindeordnung nahm er mit, ĂŒber ein alternatives NachrĂŒckverfahren fĂŒr ausgeschiedene Jugendvertreter nachzudenken, das sich nicht an der nĂ€chsthöchsten Stimmenzahl orientiert. Ein noch grĂ¶ĂŸeres Hindernis Jugendliche fĂŒr die Mitarbeit zu gewinnen hat die kroatische muttersprachliche Gemeinde. Die jungen Mitglieder hĂ€tten oft nur die deutsche StaatsbĂŒrgerschaft und könnten somit nicht fĂŒr den Pastoralrat kandidieren, erklĂ€rte Melanie Grbać.

Als BrĂŒckenbauerin zu den deutschsprachigen Gemeinden der Seelsorgeeinheit Mitte nutzt Grbać im Blick auf die jungen Christen vor allem auch die sozialen Medien fĂŒr die Glaubensweitergabe. Als große “Chance fĂŒr die Kirche, zusammen mit der Jugend um die Zukunft zu kĂ€mpfen”, nannte Bischof FĂŒrst das Thema Klimawandel. Er mahnte, den Einsatz fĂŒr die Bewahrung der Schöpfung in den Kirchengemeinden noch stĂ€rker zu forcieren.

Vertreterinnen der Reformbewegung Maria 2.0 forderten die Zulassung von Frauen auch zu den WeiheĂ€mtern. Was die Diakoninnen betrifft sicherte ihnen der Bischof seine UnterstĂŒtzung zu. Die Möglichkeit fĂŒr Priesterinnen sehe er in der katholischen Kirche aktuell jedoch nicht. Er wĂŒnsche sich aber eine stĂ€rkere Sichtbarkeit von Frauen gerade auch in der Liturgie durch die PrĂ€senz aller Dienste im Altarraum.

Auf den Einwand aus dem Publikum, dass sich die Kirche weniger um Strukturfragen kĂŒmmern, sondern die VerkĂŒndigung des Evangeliums in den Vordergrund stellen solle, rĂ€umte Bischof Gebhard FĂŒrst ein: “Das Heil ist von diesen Fragen sicher nicht abhĂ€ngig, aber sie sind wichtig fĂŒr die GlaubwĂŒrdigkeit.”

 

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